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noch ein schönes leben

der leere-koeffizient des beitrags auf der fritzi berger-skala: 1,1, = 0

mein gehirn zersprang in unzählige scharfe, spitze splitter. Sie drangen durch meine schädeldecke, stießen durch meine augen, schossen aus meinen nasenlöchern und ohren und bohrten sich durch meine wangen. ich war mir sicher: das ist kein traum. doch  ich verspürte keinerlei schmerz.

nachdem die splitter aus meinem körper ausgetreten waren, formierten sie sich ein paar meter vor mir zu einer wolke aus frei schwebenden teilen eines scheinbar zerbrochenen spiegels. ich erinnerte mich an einen traum – oder hatte ich es tatsächlich erlebt? – : im rahmen eines orgiastischen discoabends in der skurrilodrombar hatte ich beim absingen einer zwölfton-interpretation der „internationale“ derart langgezogene, beinah bewusstlosigkeit verursachende obertonlaute hervorgebracht, dass es – am höhepunkt meiner gleichzeitigen ekstatischen ganzkörperschüttelperformance – zur explosion der discokugel kam. nun konnte ich eine abwandlung dieses besonderen, aber zwischen traum und wirklichkeit nicht einzuordnenden höhepunkts in meinem werdegang nochmals miterleben, allerdings war diesmal anstelle der discokugel mein gehirn explodiert.

ich befand mich unter wasser. innerhalb der splitterwolke vor mir bildete sich ein wirbel, der um etwas zu kreisen schien und dabei immer schneller wurde. es sah aus, als würde sich im zentrum des wirbels etwas verbergen. je mehr ich versuchte mich darauf zu konzentrieren, desto schneller wurde dieser unterwasserhurrikan.

als ich begann, mich nicht mehr auf das geheimnisvolle zentrum oder auf einzelne bestandteile des wirbels zu konzentrieren, sondern – durchaus passend zur vorangegangenen gehirnexplosion – möglichst gedankenlos vor mich hinzustarren, glaubte ich bildhafte strukturen auf dem äußeren dieser kreisenden gesamterscheinung wahrzunehmen. die drehgeschwindigkeit schien ihr maximum erreicht zu haben und blieb von nun an konstant. wie in einem überdimensionalen daumenkino erkannte ich das bild einer sardine mit blutigem kopf und toten augen.

da fiel mir auf, dass ich einen kleinen spitzen gegenstand im mund hatte. ich wollte ihn ausspucken, doch ich konnte meinen mund nur mit äußerster kraftanstrengung ganz langsam öffnen. dabei strömte wasser in meine mundhöhle, wodurch das ding in meinem mund zu schwimmen begann. ich wollte es auf keinen fall verschlucken, sondern versuchte erneut es auszuspucken, aber mund und kiefermuskulatur schienen wie gelähmt. mit letzter kraft gelang es mir, den fremdkörper irgendwie zwischen meinen lippen hindurch zu pressen.

als ich meine aufmerksamkeit wieder auf das bild des sardinenschädels vor mir lenken konnte, sah ich, dass aus dem maul des fisches etwas herausragte. ein schmaler, spitzer gegenstand, der aussah wie der splitter eines spiegels.

nun war ich mir sicher: ich bin gerade dabei zu sterben. die anzeichen meines nahen todes: 1. die explosion meines künstlichen gehirns. (allerdings konnte ich mich gar nicht erinnern, dass derartiges mir jemals implantiert worden war.) 2. die erinnerung an den obertonlaute-auftritt, in dessen folge ich meine spätere lebensweggefährtin – sie arbeitete während ihres neurowissenschaftlichen studiums nebenberuflich als psychokinetisch interessierte kellnerin mit instandhaltungsaufgaben in der skurrilodrombar  – kennen und lieben lernte. (sie schwärmte schon damals von gehirnprothesen.) 3. der ausblick auf meine reinkarnation in der gestalt einer sardine. endlich konnte ich das mulmige gefühl, das mich jedes mal beim öffnung einer ölsardinendose heimgesucht hatte, zuordnen. es waren nicht die angst und der ekel vor einem abgetrennten mäusekopf, den ich eingelegt in nativem olivenöl statt der sardinen finden könnte. (der koch der skurrilodrombar hatte diesbezüglich immer wieder traumatisches von sich gegeben. deshalb war er auch koch geworden.) vielmehr war es die bis dato unbewusste angst davor, selbst einmal in einer konservendose zu landen.

nun mein abschließendes resümee für dieses leben: mich bzw. nicht mehr mich erwartet nach mühevollen und weitestgehend vergeblichen selbsoptimierungs-, zuletzt aber immer erfolgversprechenderen selbstvergessensbestrebungen die gestaltwerdung als sardine. soll ich nun enttäuscht oder zufrieden sein oder ist es mir egal? in dieser gestalt fehlt mir die lebenszeit um darüber nachzudenken. letzter gedanke: das ist gut so. letzter wunsch: noch ein schönes leben.

max rasputin norden

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